Was ist belegt — und was bleibt eine Frage?
Gleichbemächtigung knüpft an bestehende Forschung und Gewaltschutzarbeit an. Die folgenden Quellen behandeln konkrete Programme und Ansätze. Sie belegen nicht automatisch die Wirksamkeit jeder Idee auf dieser Website.
Ausgewählte Quellen, redaktionell geprüft am 17. September 2026. Diese Auswahl ist keine vollständige systematische Literaturübersicht.
Selbstverteidigung & Empowerment
Randomisierte kontrollierte Studie · 2015
Senn et al.: das EAAA-Programm
Die Studie untersuchte 893 Studentinnen im ersten Studienjahr an drei kanadischen Universitäten. Verglichen wurden das zwölfstündige Programm Enhanced Assess, Acknowledge, Act (EAAA) und die Bereitstellung von Informationsbroschüren.
Im ersten Jahr berichteten 5,2 % der Teilnehmerinnen der Programmgruppe und 9,8 % der Kontrollgruppe eine vollendete Vergewaltigung. Das entspricht einer absoluten Differenz von 4,6 Prozentpunkten. Die Studie beziffert die relative Risikoreduktion auf 46,3 % (95-%-Konfidenzintervall: 6,8–69,1 %).
Einordnung: Das Ergebnis betrifft dieses Programm, diese Zielgruppe und diesen Zeitraum. Es ist weder ein Schutzversprechen für Einzelne noch ohne weitere Forschung auf andere Gewaltformen oder Schutztechnologien übertragbar.
Senn et al. (2015): Efficacy of a Sexual Assault Resistance Program for University Women, NEJM · Abstract frei lesen
Hollander: Überblick über den Forschungsstand
Jocelyn A. Hollander bündelt in ihrem Übersichtsartikel Forschung zu Selbstverteidigung und Widerstand gegen sexuelle Übergriffe. Sie diskutiert Befunde zu sexueller Viktimisierung, weitere Auswirkungen von Trainings und offene Forschungsfragen. Der Artikel spricht für die Berücksichtigung von Empowerment Self-Defense in der Prävention sexueller Gewalt.
Ein Forschungsüberblick ist keine zusätzliche randomisierte Studie. Programme, untersuchte Gruppen und Studiendesigns unterscheiden sich; eine einheitliche Erfolgsquote für „Selbstverteidigung“ lässt sich daraus nicht ableiten.
Hollander (2018): Women's self-defense and sexual assault resistance: The state of the field, Sociology Compass
Europäische Einordnung: feministische Selbstverteidigung
Die vom Europäischen Parlament beauftragte Studie von Liz Kelly und Nicola Sharp-Jeffs ordnet feministische Selbstverteidigung als vielversprechenden Ansatz zur Gewaltprävention ein. Sie empfiehlt, diesen Ansatz stärker in Politik, Finanzierung und Forschung zu berücksichtigen.
Die Studie ist eine Evidenzübersicht mit politischen Empfehlungen. Sie ist weder eine Wirksamkeitsprüfung unserer Vorschläge noch eine offizielle Position des Europäischen Parlaments.
Kelly & Sharp-Jeffs (2016): Knowledge and Know-how: The Role of Self-defence in the Prevention of Violence against Women (PDF), insbesondere Zusammenfassung und Kapitel 6.
Verantwortung bleibt bei den gewaltausübenden Personen. Niemand ist verpflichtet, sich zu wehren oder ein Training zu besuchen. Schutzmöglichkeiten sollen Handlungsspielräume erweitern. Prävention, Unterstützung Betroffener und Strafverfolgung bleiben notwendig.
StoP – Stadtteile ohne Partnergewalt wurde von Sabine Stövesand an der HAW Hamburg entwickelt und wird auch in Österreich umgesetzt. Der Ansatz verbindet Nachbarschaftsarbeit, Aufklärung und Zivilcourage: Menschen im Umfeld sollen Partnergewalt erkennen, ansprechen und Unterstützung ermöglichen.
StoP ist hier ein dokumentiertes Praxisbeispiel. Aus der Projektbeschreibung allein lässt sich keine bestimmte prozentuale Verringerung von Gewalt ableiten.
StoP Österreich: Konzept, Standorte und Möglichkeiten zum Mitmachen
Wearables: offene Fragen an Schutztechnik
Das Ideenlabor fragt, wie tragbare Systeme Hilferufe und Flucht unterstützen könnten. Für die dort beschriebenen Anforderungen legen wir hier noch keine belastbaren Wirksamkeitsnachweise vor. Zu prüfen wären unter anderem Zuverlässigkeit, Fehlalarme, Manipulierbarkeit, Datenschutz und tatsächliche Hilfe im Ernstfall.
Robotik: ausdrücklich eine Forschungsidee
Ein „Guardian Robot“ ist auf dieser Website ein spekulativer Vorschlag. Die oben genannten Studien zu Trainings belegen keine Schutzwirkung robotischer Systeme. Ob solche Systeme Gewalt verringern könnten, müsste mit geeigneten Sicherheits-, Ethik- und Wirksamkeitsprüfungen untersucht werden. Wir behaupten nicht, dass es zu verwandten Fragen keine Forschung gibt.
Recht & Ethik
Welche Intervention zulässig und vertretbar ist, hängt vom konkreten System, der Situation und der Rechtsordnung ab. Unsere Grundprinzipien formulieren Ziele, keine rechtliche Freigabe. Verhältnismäßigkeit, Missbrauch, Zugänglichkeit und mögliche zusätzliche Gefahren gehören in jede Bewertung.
Was wir noch wissen wollen
- Welche Ansätze helfen welchen Menschen in welchen Situationen?
- Wie lassen sich erfolgreiche Programme im deutschsprachigen Raum zugänglich machen und evaluieren?
- Entsteht durch verbreitete Schutzmöglichkeiten auch ein kollektiver Abschreckungseffekt? Das ist bislang unsere Hypothese.
Du kennst eine relevante Studie oder findest einen Fehler? Quellen beitragen oder Kritik einreichen. Besonders hilfreich sind Originalveröffentlichung, Studiendesign und Hinweise auf Grenzen der Aussage.